„Ihre Phantasie ist nahezu unbegrenzt“

Lebenserinnerungen der Wilhelmine Eugenie Kampel, geb. Dreier

In Wolkersdorf hatte ich eine sehr gute Freundin, Lilli. Wir mochten einander gern und unternahmen vieles gemeinsam. Lilli war die Tochter eines pensionierten Lehrers, ein sogenannter Spätling. Ihre Eltern waren kränklich und blieben viel daheim. Da freute es sie umso mehr, wenn sie uns gelegentlich begleiten durfte. Mein Vater nahm sie auch recht gern mit, wenn wir ausgingen, was des öfteren geschah.

Wo immer etwas los war, bei jedem Ball, egal ob in der Tanzschule oder im Gasthaus, Lilli und ich waren dabei. Und natürlich meine Mutter, die die Tanzveranstaltungen als willkommene Abwechslung sah. Sie wäre wohl unglücklich gewesen, hätte sie nicht mitgehen können. Vater war für solche Unterhaltungen hingegen gar nicht mehr zu haben. Er nahm viel lieber seine Zeitung zur Hand und las stundenlang.
Seinerzeit war es üblich, daß die Burschen den Mädchen für jeden Tanz ein Blumensträußchen überreichten. Das galt als Zeichen ihrer Wertschätzung. Je mehr solcher Bouquets eine junge Frau besaß, desto beliebter war sie.

Mitunter kam es vor, daß ich am Ende eines Abends zehn oder zwölf solcher Sträußchen beisammen hatte. Das galt viel. Zu Hause stellte ich sie ins Fenster. Jeder, der vorbeiging, sollte sie sehen können.

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