Brigitte Bittmann

Sperrschlüssel

Meine Erinnerungen an vierzig Jahre Pflegedienst in Gugging

Ein wunderbarer Spielplatz
Die Nase an die Fensterscheibe gedrückt, starrten wir ins Innere des riesigen Raumes. „Geh weg! Lass mich auch schauen!“ Das Gerangel um den besten Platz war groß. Belustigt sahen wir zu, wie sich die Paare zur Musik bewegten. Wie konnten wir uns darüber amüsieren! Jeden Sonntagnachmittag führte uns der Weg hierher, wussten wir doch: Heute tanzen die „Narrischen“.

Dabei sahen wir Kinder in ihnen nichts Außergewöhnliches; wir trafen sie ständig. Sobald die Schule es zuließ, spielten wir in dem riesigen, wunderschön angelegten Park, zu dem ein Teich gehörte, der Jahr für Jahr zahlreichen Enten als Sommerquartier diente.

Auf dem Areal befanden sich elf Pavillons. Immer wieder sahen wir dort Menschen an den Fenstern stehen und auf uns herunterblicken. Doch Gitter trennten ihre Welt von der unseren. Sogar den Sportplatz hatte man meterhoch umzäunt. ‚Wie Löwen im Käfig’, dachte ich. Der Grund ihres Aufenthalts in der Anstalt kümmerte uns wenig. Es gab hier schließlich so viel Interessantes zu sehen und zu hören.

Eine Stadt in der Stadt, so hat man sich das NÖ Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Klosterneuburg in den fünfziger Jahren vorzustellen. In der Katastralgemeinde Gugging, idyllisch zwischen den sanften Hügeln des Wienerwaldes gelegen, war es zum Großteil autark. Abgesehen von der medizinischen Ausstattung verfügte es über alle für die Erhaltung eines Spitalbetriebes notwendigen Einrichtungen. Schneider, Tapezierer, Schuster, Maurer, Elektriker und Installateure gehörten ebenso zum Personal wie der Bäcker und der Fleischhauer. Der Haschhof, ein der Anstalt angeschlossener landwirtschaftlicher Betrieb, versorgte die Großküche mit Fleisch, Obst und Gemüse. Im hinteren Bereich des Areals steht heute noch die dem Krankenhaus zugehörige Kirche. Natürlich gab es auch einen Anstaltspfarrer, der jeden Sonntag eine Messe für die Patienten las.

Dieses von regem Leben erfüllte Gelände machten wir Kinder zu unserem Spielplatz; fasziniert beobachteten wir das bunte Treiben…

Dass wir nur wenige Patienten zu Gesicht bekamen, fiel uns überhaupt nicht auf. Unsichtbar, hinter den verschlossenen Türen der psychiatrischen Anstalt, fristeten an die tausend Kranke ihr trauriges Dasein.

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